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31.03.2022 |

Patrick Nöthiger's neues Ziel ist ehrgeizig

Patrick Nöthiger (Behinderten-Sportclubs Wohlen-Lenzburg)

Bild und Text: Melanie Burgener
Artikel in der Aargauer Zeitung Aarau vom Do, 31.03.2022

«Das Spezielle an dir, Patrick, ist, dass du einen Weg gehst, der aussergewöhnlich ist. Deine Haltung zum Durchbeissen fasziniert mich», sagt Josef Villiger, Geschäftsführer des Altersheims St.Martin in Muri. Er richtet seine Worte an einen jungen Mann, der zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern an einem runden Holztisch sitzt und schüchtern lächelt. Das weisse Logo von Special Olympics Schweiz ziert die Brust seines roten T-Shirts.

Der junge Mann heisst Patrick Nöthiger und arbeitet im technischen Dienst des «St. Martin». Trotz seiner angeborenen Lernschwäche hat er nach seiner IV-Ausbildung hier eine EBA-Lehre als Unterhaltspraktiker absolviert und mit der Note 5,5 abgeschlossen. Was viele der Bewohnerinnen und Bewohner aber nicht wissen: Nebst seinem Job im Altersheim hat der 38-Jährige auch eine sportliche Karriere, auf deren Leiter er immer weiter emporsteigt.

Sein Ziel: der Halb-Ironman in Rapperswil

Seit 2006 ist er Mitglied des Behinderten-Sportclubs Wohlen-Lenzburg, in dem er leidenschaftlich Leichtathletik betreibt. Aber er hat auch bereits an internationalen Wettkämpfen teilgenommen. Von seinem neuesten ehrgeizigen Ziel erzählte er vergangene Woche im St.Martin. Nebst seinem Training in den Niedermatten in Wohlen ist ­Patrick Nöthiger auch Athlet bei der Sportorganisation Special Olympics Schweiz. So konnte er bereits 2007 an den Sommer-Weltspielen in Schanghai teilnehmen. 2015 schaffte er es nach Los Angeles. «Ich habe die Disziplinen 1500-Meter-Sprint und Weitsprung absolviert. Beim Rennen hab ich sogar die Silbermedaille erhalten», erzählt er stolz.

Das Projekt, für das er aktuell in Zusammenarbeit mit Special Olympics kämpft, übertrifft alle seinen bisherigen sportlichen Leistungen. Nöthiger wagt sich erstmals an einen Triathlon. Im kommenden Juni möchte der Wohler, der heute in Lenzburg lebt, am «Ironman 70,3» in Rapperswil teilnehmen. Bereits der Name des Wettkampfes macht klar: Dieses Projekt wird ihm viel abverlangen.

Ironman, das heisst auf Deutsch: eiserner Mann. «Das ist man, wenn man einen solchen Triathlon überstanden hat: eisern und hart, wie aus Stahl», sagt er.

Vor einem Jahr hätte er das kaum für möglich gehalten

Ziel des Wettkampfes ist es, 70,3 Meilen, also 113 Kilometer aus eigener Muskelkraft zurückzulegen. Diese Distanz wird in die Disziplinen Schwimmen (1,9 Kilometer), Radfahren (90 Kilometer) und einen Halbmarathonlauf (21,1 Kilometer) aufgeteilt. «Vor allem das Schwimmen ist für mich eine Herausforderung. Ich hatte zu Beginn überhaupt keine Ahnung von der Technik», sagte er. Doch mittlerweile funktioniere auch das sehr gut. Dass er einst drei Kilometer in nicht mal zwei Stunden zurücklegen könnte, das hätte sich Nöthiger – genau wie die Teilnahme an einem Halb-Ironman – vor einem Jahr noch nicht vorstellen können.

Der Sinneswandel kam, als der bekannte Schweizer Triathlet und Swiss-Olympics-Botschafter Jan van Berkel zu Besuch beim Training in Wohlen war. «Er konnte uns so bildlich von diesem Projekt erzählen und mir dieses Erlebnis so schmackhaft machen», erinnerte sich Nöthiger. Für ihn stand vor allem die Herausforderung im Vordergrund, einmal ganz anders zu trainieren, als er sich das bisher gewohnt war.

Kalorien in Riegelform und Joggen vor dem Frühstück

Und zusammen mit van Berkel, der ihn nun als Trainer unterstützt, konnte er schon viele Erfolge erzielen. «Aber nicht nur beim Training, sondern auch, was die Ernährung betrifft, konnte ich viel von ihm lernen», so Nöthiger. Er habe sich etwa zuerst daran gewöhnen müssen, zusätzliche Kohlenhydrate und Proteine in Form von Shakes oder Riegeln zu sich zu nehmen.

«Zu Beginn hatte ich Angst, dass ich so zunehmen würde. Aber ich musste lernen, dass mein Körper sehr viele Nährstoffe verbrennt und ich ohne diese Zusätze nicht genügend Energie hätte», erklärt er. Lachend fügt er an: «Absurd war es aber vor allem, als Jan mir sagte, ich solle morgens vor dem Frühstück joggen gehen.» Das sei notwendig, damit der Körper lerne, von seinen eigenen Reserven zu zehren.

Als Belohnung gibt es einen Triathlon in Berlin

Nun bleiben Patrick Nöthiger weniger als drei Monate zum Trainieren übrig – und während dieser Zeit muss er nochmals alles geben. «Jetzt kommt der schwierigste Teil: die einzelnen Disziplinen zu koppeln und miteinander zu trainieren, statt jede einzeln.» Wenn er das alles zusammen mit seinem Vereinskollegen Patrick Schweiger, der mit ihm trainiert, geschafft hat, gibt es eine Belohnung.

Diese verspricht aber nicht etwa Erholung, im Gegenteil. «Danach möchten wir an die Weltspiele nach Berlin und dort ebenfalls einen Triathlon absolvieren», freut er sich. Damit dieser Traum wahr wird, müssen die beiden aber nur drei Wochen nach ihrem Halb-Ironman in Rapperswil an einem Triathlon am Sempachersee teilnehmen. «Der Ironman zählt nicht als Qualifikationswettkampf», erklärt Nöthiger.

Auch sein Ziel fürs kommende Jahr hat sich Nöthiger bereits gesetzt. «Ich möchte einen ganzen Marathon laufen», verkündet er. «St.Martin»-Geschäftsführer Villiger verspricht: «Dann kommen wir alle und feuern dich an. Unseren eisernen Mann vom ‹St.Martin›.»